Sicherheitstechnologien: Herausforderungen und Ziele

Extremistische Anschläge und organisierte Kriminalität, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, politische Konflikte und der Zusammenbruch von Staaten stellen für Deutschland ein großes Gefahrenpotenzial dar. Aber auch von Natur- und Umweltkatastrophen geht eine nicht zu unterschätzende Bedrohung aus. Bekannte Beispiele sind der Sturm Kyrill, der bundesweit den Verkehr lahm legte oder der europaweite Stromausfall, der durch ein beschädigtes Kabel an der Ems verursacht wurde.

Deutschlands hocheffiziente Infrastrukturen sind vernetzt und technisiert - und damit auch sensibel und verwundbar. Ziel der Bundesregierung ist es, hier für ein Höchstmaß an Sicherheit zu sorgen. Entsprechende Vorkehrungen sollen beispielsweise verhindern, dass jemand Gefahrenstoffe in das Land einschleust oder Lebensmittel und Trinkwasser mit gesundheitsgefährdenden Substanzen verunreinigt werden. Es gilt, Umweltkatastrophen oder Unfällen von besonderem Ausmaß vorzubeugen bzw. die Schäden zu begrenzen. Sicheres Reisen in Flugzeug oder Bahn soll zur Selbstverständlichkeit werden.

Mit der zivilen Sicherheitsforschung will die Bundesregierung Konzepte entwickeln, um die Freiheit der Bürger in unserer modernen Industriegesellschaft bestmöglich zu schützen. Eines besonderen Schutzes bedürfen dabei vor allem die Versorgungssysteme (Energie, Trinkwasser etc.), Informations- und Kommunikationstechnik, Verkehr, Gesundheitsversorgung und das Finanzsystem. Ziel ist es, durch neue Sicherheitskonzepte und innovative Technologien zu gewährleisten, dass Deutschland auch künftig zu den sichersten Ländern der Welt zählt.

Zivile Sicherheitsforschung: Doppelter Nutzen

Neben dem Schutz der Gesellschaft vor Gefahren stärken sicherheitstechnische Produkte und Dienstleistungen die Wirtschaft. Im Jahr 2005 hatte der Markt im Sicherheitssektor allein in Deutschland ein Umsatzvolumen von zehn Milliarden Euro. Davon entfielen 3,6 Milliarden Euro auf die IT-Sicherheit - bei hohen Wachstumsraten. Laut OECD sind auf dem weltweiten Markt Steigerungsraten von bis zu acht Prozent pro Jahr möglich. Damit bieten Sicherheitstechnologien internationale Wettbewerbsvorteile und einen echten Leitmarkt.

Diese Zukunftsmärkte will die Bundesregierung mit dem Sicherheitsforschungsprogramm im Rahmen der Hightech-Strategie erschließen. Die Nachfrage nach sicherheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen schafft Arbeitsplätze und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Bilanz und Perspektiven

Veränderte Sicherheitsrisiken erfordern neue Lösungsansätze: Die Bundesregierung hat das Thema der zivilen Sicherheit als eines der zentralen Bedarfsfelder erkannt. Die Hightech-Strategie liefert auf der Basis von Forschung und Entwicklung neue bedarfsgerechte Sicherheitslösungen.

Neuer programmatischer Ansatz

Zur Verbesserung des Schutzes der Bürger hat die Bundesregierung das Programm "Forschung für die zivile Sicherheit" ins Leben gerufen. Um die Forschung auf gemeinsame Anwendungsziele auszurichten und umsetzungsfähige Sicherheitskonzepte zu erarbeiten, verbindet das Sicherheitsforschungsprogramm erstmalig alle Disziplinen aus den Geistes-, Sozial-, Ingenieur- und Naturwissenschaften.

Bedarfsgerechte Forschung, praxisorientierte Konzepte

Um die Forschung an den Bedarf zu koppeln und die Umsetzung in die Praxis zu erleichtern, werden von Beginn an Behörden mit Sicherheitsverantwortung, zum Beispiel das Bundeskriminalamt, sowie Sicherheits- und Rettungskräfte als die späteren Endnutzer in die Projekte mit einbezogen. Die für die jeweiligen Politikbereiche verantwortlichen Ressorts arbeiten am Sicherheitsforschungsprogramm unter der Leitung des BMBF zusammen.

Im Mittelpunkt des Programms steht die Forschung an komplexen Sicherheitsszenarien. Die "Szenarienorientierte Sicherheitsforschung" beschäftigt sich mit vielfältigen Fragestellungen:

  • Wie können Großveranstaltungen optimal gesichert werden? 

  • Wie kann die Sicherheit in offenen Verkehrssystemen (Bahn, ÖPNV) ausgebaut werden? 

  • Wie können zum Beispiel bei einem Stromausfall weitreichende Folgen (Kaskadeneffekte) für die Infrastruktur vermieden werden?

Darüber hinaus fördert die Bundesregierung die Forschung für die "Gesellschaftliche Dimension" der zivilen Sicherheit in Projekten zur sozialen Sicherheitskultur und zur institutionellen Sicherheitsarchitektur. Die Mitarbeiter dieser Forschungsgruppen beleuchten disziplinübergreifende Fragestellungen unter Aspekten der gesellschaftlichen Voraussetzungen und möglichen Konsequenzen der Sicherheitstechnik für die Bevölkerung. Es werden Lösungen entwickelt, die ethisch verantwortbar und für die Öffentlichkeit transparent sind. Hier ist Deutschland international führend.

Gezielte Initiativen: Erfolgreiche Bilanz

Die ersten Erfolge des Sicherheitsforschungsprogramms sind bereits sichtbar: Dank der positiven Resonanz flossen bis März 2009 in 42 Verbundprojekte zusätzlich zur staatlichen Förderung etwa 41 Millionen Euro aus der Wirtschaft.

Ein Schwerpunkt der Forschung liegt in der Entwicklung von Detektoren. Mit Hilfe tragbarer Analysekoffer oder Minilabore können Sprengstoffe, Waffen, Gifte und Krankheitserreger zeitnah vor Ort gefunden werden. Darüber hinaus ermöglichen Computersimulationen, Verhaltensanalysen und Feldtests den Forschern die Entwicklung von automatischen Frühwarn- und Evakuierungssystemen. Sie helfen beispielsweise, die geordnete, panikfreie Rettung einer Menschenmenge aus einem Gebäude, aus einem Stadion oder bei einem Zwischenfall in der U-Bahn besser zu organisieren.

Projektbeispiel
Evakuierung in der U-Bahn im Notfall - Innovationen für Feuerwehr und Rettungsdienste

Ein Notfall in der U-Bahn: Was genau ist passiert? Ist jemand zu Schaden gekommen? Können Feuerwehr und Rettungsdienste ungehindert zum Einsatzort oder befinden sich giftige Gase im Tunnel und in den Nachbarbahnhöfen?
Eine der größten Herausforderungen bei Rettungsoperationen in der U-Bahn ist der eingeschränkte Zugang zum Einsatzort. Heute sind zum Zeitpunkt des Einsatzes kaum Aussagen darüber möglich, ob bei einem Unfall oder Anschlag etwa gesundheitsgefährdende Substanzen freigesetzt wurden.
In dem Projekt "OrGaMIR" analysieren Forscher unter der Leitung der Universität Paderborn gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft, U-Bahn-Betreibern und Feuerwehr neue Methoden, mit denen sich solch wichtige Informationen künftig früher ermitteln lassen.

Ziel ist es, Evakuierungen schneller, sicherer und effektiver durchzuführen. Dabei sollen mögliche Beeinträchtigungen des Nahverkehrs durch giftige Substanzen und deren Ausbreitung zeitnah gemessen und berechnet werden. Die Ergebnisse helfen, Fahrgästen lebensrettende Anweisungen und den Rettungskräften wichtige Hinweise für Sicherheitsmaßnahmen zu geben.

Förderung und Schutz des freien Warenaustauschs

Das für Deutschland als Exportweltmeister besonders wichtige Thema "Sicherung der Warenketten" befindet sich derzeit in Vorbereitung.
Mit Hilfe von Forschung und Innovationen werden Brücken zwischen Wirtschaftlichkeit und Sicherheit geschlagen. Denn der umfassende Schutz des freien Warenaustauschs darf im Gegenzug nicht zu zusätzlichen Belastungen, Verteuerung oder Verlangsamung führen. Das Sicherheitsforschungsprogramm nimmt dies mit der Förderung der "Sicherung der Warenketten" auf, die zugleich im "Masterplan für Güterverkehr und Logistik" verankert ist. Hier profitiert der Warenverkehr vom deutschen Know-how.

Neue Netzwerke schaffen für die Innovation

Die Basis für eine erfolgreiche Umsetzung der Forschungsergebnisse in praxistaugliche und vermarktbare Produkte und Verfahren sind funktionierende Netzwerke zwischen Endnutzern, Wirtschaft und Wissenschaft. Aus diesem Grund werden Innovationsplattformen als neues Instrument der zivilen Sicherheitsforschung eingerichtet. Sie bieten allen an der Sicherheitsforschung Beteiligten und Interessierten ein Forum für den Dialog und wirken netzwerkbildend zwischen Forschung, Industrie und Behörden. Die erste Innovationsplattform "Schutz von Verkehrsinfrastrukturen" startete im September 2008. Weitere Innovationsplattformen werden in Kürze folgen.

Expertengremium berät Bundesregierung

Um ein Höchstmaß an Qualität zur erreichen, hat die Bundesregierung zur Umsetzung des Forschungsprogramms ein unabhängiges Expertengremium ins Leben gerufen. Dem Wissenschaftlichen Programmausschuss zur Sicherheitsforschung gehören führende Mitglieder aus Wissenschaft und Forschung sowie Wirtschaft, Politik und Verwaltung an. Eine interdisziplinäre Expertise gewährleistet eine ausgewogene inhaltliche Ausrichtung und Zielorientierung der Sicherheitsforschung. Ein weiteres Ziel ist die Verzahnung der deutschen mit den europäischen Aktivitäten.

Mit internationalen Forschungsallianzen gemeinsam stark

Sicherheit ist eine internationale Angelegenheit - internationale Forschungsallianzen zu bilden und die europäische Sicherheitsarchitektur mit zu gestalten, gehört deshalb zu den Schwerpunkten des Sicherheitsforschungsprogramms. Der Grundstein dafür wurde im 7. EU-Forschungsrahmenprogramm gelegt. Für die Forschungsförderung zum Thema "Sicherheit" werden im Zeitraum von 2007 bis 2013 europaweit 1,4 Milliarden Euro bereitgestellt. Um den Zugang zu europäischen Verbundvorhaben zu erleichtern, wurde im Januar 2007 die Nationale Kontaktstelle (NKS) Sicherheitsforschung eingerichtet. Sie berät zu den Möglichkeiten der EU-Forschungsförderung.

Im ersten Regierungsabkommen mit der neuen US-Regierung zur transatlantischen Kooperation in der Sicherheitsforschung vom 16. März 2009 wurde eine enge wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und den USA vereinbart. Diese dient den gemeinsamen transatlantischen Sicherheitsinteressen. Inhalte sind unter anderem die Sicherheit im Flugverkehr oder in der modernen Informationstechnologie (IT).

Projektbeispiel
Tsunami-Warnsystem - Meilenstein in der internationalen Katastrophenprävention

Die Menschen in Indonesien können sich künftig besser vor Naturkatastrophen schützen: Im November 2008 hat das vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam entwickelte Tsunami-Frühwarnsystem seinen Betrieb aufgenommen. Die Bundesregierung hat für das Projekt Mittel in Höhe von 51 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.
Das System besteht aus zahlreichen Komponenten wie Seismometern, GPS-Stationen, Wasserpegelmeldern, Meeresbodensensoren und Messbojen. Bei einem Erdbeben werden die Daten der Geräte über Satellit in die Leitzentrale geschickt, wo Computer innerhalb von Minuten das Gefahrenpotenzial errechnen. Auf dieser Grundlage können Behörden die Bevölkerung schnell und zuverlässig warnen. Zukünftig kann diese Technologie auch in gefährdeten Gebieten des Mittelmeers und des Nordatlantiks eingesetzt werden.
Die endgültige Übergabe des Systems an Indonesien ist für 2010 geplant. Bis dahin soll die Technologie noch optimiert und qualifiziertes Personal ausgebildet werden.

  • Nationale Kontaktstelle

    Nationale Kontaktstelle berät Interessenten am neuen europäischen Sicherheitsforschungsprogramm, um eine angemessene deutsche Beteiligung sicherzustellen.
    mehr (URL: http://www.vditz.de/de/home/kompetenzen/forschungsfoerderung/nationale_kontaktstellen/nks_sicherheitsforschung/index.html)
  • Sicherheitsforschungsprogramm

    Die Bundesregierung hat am 24. Januar 2007 ein eigenständiges Sicherheitsforschungsprogramm verabschiedet. Es dient dem Schutz des Menschen, der Wirtschaft und der Gesellschaft vor Bedrohungen der zivilen Sicherheit. Eine Nationale Kontaktstelle berät Interessenten am neuen europäischen Sicherheitsforschungsprogramm, um eine angemessene deutsche Beteiligung sicherzustellen.
    mehr (URL: http://www.bmbf.de/de/6293.php)

Ideen zünden TV

Mit Neugier fängt alles an! Jetzt öffnen Deutschlands Hightech-Labore ihre Tore. Ideen zünden-TV, der Web-Kanal des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, berichtet exklusiv über die innovativsten und wegweisendsten Technologien der Zukunft. Denn Forschung lohnt sich für uns alle!