Forschung und Versorgung digital vernetzen – für eine intelligente Medizin

Digitale Innovationen bieten Chancen im Gesundheitssystem, um zum Wohle möglichst vieler Patientinnen und Patienten beizutragen. Dafür ist ein konsequentes Zusammenwirken vieler Akteure nötig.

Intelligente Medizin

Visoot Uthairam – Getty Images

Ein besonderer Qualitätssprung in der medizinischen Versorgung wie auch in der Forschung kann erreicht werden, wenn Patientendaten forschungskompatibel zur Verfügung stehen, also die Forschung – bei Zustimmung des Patienten – relevante Versorgungsdaten verwenden kann und diese einrichtungsübergreifend übermittelt werden können. In diesem Sinne können einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakten (ePA) wesentlich zu einem vernetzten digitalen Gesundheitswesen beitragen und die Erkenntnisse aus der Forschung wiederum unmittelbar und zielgerichtet in die Behandlung der Patientinnen und Patienten einfließen.

Ziele der Mission

das Ziel, die Leistungsfähigkeit von Gesundheitsforschung und -versorgung mit einem nahtlosen Informationsfluss zwischen den unterschiedlichen Akteuren und Sektoren auf internationalem Niveau weiterzuentwickeln. Gemeinsam mit Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und allen Akteuren der Gesundheitsforschung und  versorgung wird die Bundesregierung darauf hinarbeiten, dass bis 2025 eine forschungskompatible ePA an allen deutschen Universitätskliniken verfügbar ist. Die Einführung der einrichtungsübergreifenden ePA in die Gesundheitsversorgung ist dafür ein erster wichtiger Schritt. Patientennutzen, Datenschutz und Datensicherheit sind dafür wichtige Voraussetzungen, ebenso wie die Entwicklung gemeinsamer technischer und semantischer Standards.

Aktuelle Meilensteine und Aktivitäten der Bundesregierung

  • Um die Nutzung elektronischer Patientenakten in der Gesundheitsversorgung zügig zu etablieren, wurden mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), u. a. gesetzliche Krankenversicherungen verpflichtet, ihren Versicherten eine von der gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte zugelassene ePA anzubieten.
  • Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) wurde die Weiterentwicklung der Datenaufbereitungsstelle zu einem Forschungsdatenzentrum gesetzlich verankert. Im Forschungsdatenzentrum wird den Forschenden ein umfangreicher, aktueller und repräsentativer Datensatz aus Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen bereitgestellt.
  • Durch das Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG) wird eine forschungskompatible ePA geschaffen, indem die Versicherten die Möglichkeit erhalten, Daten ihrer ePA freiwillig für Gesundheitsforschung über zwei Wege bereitzustellen: a) auf gesetzlicher Grundlage über ein Opt-in-Verfahren durch Freigabe und Übermittlung der ePA-Daten an das Forschungsdatenzentrum und b) auf der alleinigen Grundlage einer informierten Einwilligung speziell für ein bestimmtes Forschungsvorhaben oder breiter für definierte Bereiche der wissenschaftlichen Forschung. Die Freigabe der ePA Daten an das Forschungsdatenzentrum ermöglicht es, die Daten der gesetzlichen Krankenkassen um Behandlungsdaten anzureichern, welche umfangreiche Fragestellungen der klinischen und Versorgungsforschung erfüllen können.
  • Perspektivisch ist eine Verknüpfung mit weiteren Datenkörpern denkbar, wie beispielsweise Krebsregistern. Das Gesetz zur Zusammenführung von Krebsregisterdaten regelt die Zusammenführung der Krebsregisterdaten in zwei Stufen. In der ersten Stufe soll der derzeit von den Krebsregistern der Länder an das Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut zu übermittelnde Datensatz vor allem um Daten zur Therapie und zum Verlauf von Krebserkrankungen erweitert werden. Dieser erweiterte Datensatz soll anderen Einrichtungen zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt werden. Die zweite Stufe soll dann einen erheblichen darüber hinaus gehenden Mehrwert generieren, indem insbesondere anlassbezogen klinische Auswertungen zu versorgungsrelevanten Fragen erfolgen sollen. Hierfür sollen zusätzliche, in der ersten Stufe noch nicht verfügbare Daten der Krebsregister bereitgestellt und mit anderen Daten verknüpft werden. Im Rahmen der Medizininformatik-Initiative (MII) werden IT-Infrastrukturen an den Universitätskliniken aufgebaut, um einen forschungskompatiblen und datenschutzkonformen Austausch von Gesundheitsdaten institutionenübergreifend zu ermöglichen. Neben dem Infrastrukturaufbau hat das Nationale Steuerungsgremium der MII wichtige übergreifende Verständigungen zu den Bereichen Interoperabilität, Standards, Patienteneinwilligung und Datennutzung zwischen allen Universitätskliniken erreicht. Das Fördervolumen beträgt rund 200 Mio. Euro im Förderzeitraum 2018-2022.
  • Im Rahmen der Leitinitiative „Digitale FortschrittsHubs Gesundheit– Neue Wege für bessere Forschung und Versorgung im Gesundheitsbereich“ soll unter anderem die Machbarkeit der forschungskompatiblen ePA in der medizinischen Praxis erprobt und ein Mehrwert für Patientinnen und Patienten, medizinisches Fachpersonal und Wissenschaft für definierte Anwendungsfelder (z. B. Krebserkrankungen) überprüft werden. Es wurden sechs Verbundprojekte zur Förderung ausgewählt, die im Sommer 2021 ihre Arbeit aufnehmen.
  • Im September 2020 haben BMBF, das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ihre Maßnahmen zur Stärkung der datengestützten Gesundheitsforschung in einer Innovationsinitiative „Daten für Gesundheit“ gebündelt. Damit wollen wir die Patientenversorgung verbessern, den medizinischen Fortschritt vorantreiben und die Innovationskraft des Standortes Deutschland erhöhen. Eine Roadmap zeigt das gemeinsame Zielbild, laufende und geplante Aktivitäten auf.
  • Durch die Anwendungsfälle der Medizininformatik-Initiative und der „Digitalen FortschrittsHubs Gesundheit“ zur Krebsforschung und ihren Beitrag zur Weiterentwicklung von KI-Anwendungen werden Synergien zur Mission „Krebs bekämpfen“ und „Künstliche Intelligenz in die Anwendung bringen“ geschaffen.

Seitens der Bundesregierung sind BMBF und BMG an der Umsetzung der Mission beteiligt.

Einbindung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft

Die Medizininformatik-Initiative setzt sich für die Verbesserung von Forschungsmöglichkeiten und Patientenversorgung durch den Austausch und die Nutzung von Daten aus Krankenversorgung sowie klinischer und biomedizinischer Forschung über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg ein. Dabei sind alle deutschen Universitätskliniken sowie die zugehörigen Medizinischen Fakultäten eingebunden. Zusammen mit zahlreichen akademischen Partnern, u. a. Universitäten, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen erfolgt unter anderem die Erarbeitung einer forschungskompatiblen Patientenakte, die Gegenstand der Hightech-Strategie 2025 ist. Wichtiges Element der MII ist zudem die Einbindung von Patientinnen und Patienten. Mit einer Dialogveranstaltungsreihe hat die MII das Thema Patientenpartizipation in den Fokus genommen. Impulse von Patientenorganisationen fließen in die Weiterentwicklung der Kommunikations- und Transparenzmaßnahmen für Patientinnen und Patienten sowie die Optimierung der Einwilligungsprozesse an den Universitätskliniken ein.

Weitere Akteure, die wesentliche Beiträge leisten, sind die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder, Ethikkommissionen sowie weitere Stakeholder insbesondere aus Gesundheitsforschung und -versorgung.

Weiteres Vorgehen

Über Umsetzung und geplante Weiterentwicklung der in der Innovationsinitiative „Daten für Gesundheit“ aufgezeigten Aktivitäten soll in einem Fortschrittsbericht berichtet werden. Zudem ist dazu ein Dialog mit allen relevanten Akteuren auf einer Fortschrittskonferenz vorgesehen. Die zurzeit laufende Aufbau- und Vernetzungsphase der MII wird um ein Jahr bis 2022 verlängert.  Die Förderrichtlinie für eine darauffolgende vierjährige Ausbau- und Erweiterungsphase wird derzeit erarbeitet. Im Herbst 2021 werden die aufgebauten Datenintegrationszentren an den Universitätskliniken und ausgewählte Use Cases der MII auditiert. Weitere Nachwuchsgruppen werden etabliert. Die sechs Verbundprojekte des Fördermoduls „Digitale FortschrittsHubs Gesundheit“ nehmen im Sommer 2021 ihre Arbeit auf. Der Förderzeitraum umfasst 4 Jahre.
Zur Spezifizierung der Freigabe von Daten aus der ePA legt gematik bis 30. Juni 2021 ein Konzept vor, welches derzeit mit BMG und Akteuren der Forschung und Versorgung erarbeitet wird. Ab 2023 werden Versicherte die Möglichkeit der Datenfreigabe aus der ePA nutzen können. Der Start der Antragsbearbeitung im Forschungsdatenzentrum ist für Anfang 2022 geplant.

Alle in der Mission genannten Maßnahmen auf Bundesebene liegen in der Verantwortung der jeweils zuständigen Ressorts und werden von diesen im Rahmen der geltenden Haushalts- und Finanzplanungsansätze (einschl. Planstellen/Stellen) finanziert. Mehrbedarfe an Sachmitteln und Personal werden im jeweiligen Einzelplan gegenfinanziert.