Weitgehende Treibhausgasneutralität der Industrie

Deutschland hat sich zu ambitionierten Nachhaltigkeitszielen verpflichtet. Um die Ziele des Übereinkommens von Paris zu erreichen, muss spätestens bis Mitte des Jahrhunderts Treibhausgasneutralität erreicht sein.

Treibhausgasemission vermindern

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Dazu müssen alle Sektoren beitragen, insbesondere auch die Industrie. Während energiebedingte Emissionen im Industriesektor durch Steigerung von Energieeffizienz und die Umstellung auf erneuerbare Energieträger schrittweise vermindert werden können, erfordert die Vermeidung von prozessbedingten Emissionen einen Technologiewechsel. Es besteht erheblicher Forschungsbedarf, um etablierte Prozesse und Verfahren in der deutschen Grundstoffindustrie wie z. B. Eisen- und Stahlindustrie, Chemieindustrie, Zement- und Kalkindustrie und Nichteisen-Metallindustrie anzupassen oder zu ersetzen. Weiterhin sind für die Überführung dieser neuen Technologien in die Praxis umfangreiche Investitionen nötig.

Ziele der Mission

Ziel der Mission ist es, über Forschung und Innovationsförderung (Forschung, Entwicklung, Demonstration sowie Markteinführung) neuer Technologien einen Beitrag der Industrie zum langfristigen Ziel der Treibhausgasneutralität bis zum Jahr 2045 zu ermöglichen und dabei gleichzeitig den Industriestandort Deutschland zu sichern und weiter auszubauen. Die dazu nötigen Innovationen sollen im Zusammenhang mit einer effizienten und technologieoffenen CO2-Reduktionsstrategie für die Industrien in Deutschland durch FuE vorbereitet und in den Markt gebracht werden.

Aktuelle Meilensteine und Aktivitäten der Bundesregierung

Seitens der Bundesregierung sind BMWi, BMU und BMBF an der Umsetzung der Mission beteiligt. Mit Zertifikatspreisen im EU-ETS von zuletzt fast 50 Euro/t CO2 (Stand Mai 2021) werden Anreize für Emissionsminderungen in der Industrie (und Energiewirtschaft) derzeit über den Europäischen Emissionshandel geschaffen. Mit dem im Dezember 2019 verabschiedeten „Gesetz über einen nationalen Zertifikatehandel für Brennstoffemissionen“ (BEHG) wurde zum 1. Januar.2021 zudem in den Bereichen Verkehr und Wärme eine CO2 Bepreisung eingeführt. Die Bundesregierung unterstützt das Missionsziel durch folgende Aktivitäten:

  • Die Bundesregierung leistet mit den Förder- und Forschungsprogrammen Dekarbonisierung im Industriesektor, ihrem 7. Energieforschungsprogramm, dem Rahmenprogramm FONA bzw. der FONA-Strategie sowie dem Forschungsprogramm zum Klimaschutzplan 2050 Beiträge zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen in der energieintensiven Industrie.
  • In Reallaboren der Energiewende wird im Schwerpunkt Sektorenkopplung und Wasserstofftechnologien intensiv an der Nutzung von erneuerbarem Wasserstoff in der Industrie gearbeitet. Dies ist ein entscheidender Schritt um den Transfer von Technologieinnovationen für die Dekarbonisierung der Industrie in industriellem Maßstab voranzutreiben.
  • Mit den Kopernikus-Projekten wurde im Rahmen des 7. Energieforschungsprogramms eine umfassende Forschungsinitiative zur Energiewende aufgelegt. Das Kopernikus-Projekt „SynErgie“ entwickelt z. B. Technologien und Prozesse für die Anpassung industrieller Schlüsselprozesse an fluktuierende Stromerzeugung.
  • Die 2020 aufgelegte Initiative „Wasserstoffrepublik Deutschland“ zielt auf einen Innovationsschub, mit dem Grüner Wasserstoff zu einem kostengünstigen und breit verfügbaren Energieträger insbesondere für die Industrie wird. Großangelegte, industrie-geführte Leitprojekte sowie Projekte der Grundlagenforschung adressieren die Schlüsseltechnologien für Erzeugung und Transport von Grünem Wasserstoff und bereiten die Anwendung in verschiedenen Sektoren vor.
  • Die Bundesregierung hat im Oktober 2019 das Klimaschutzprogramm 2030 beschlossen, das im Rahmen des Bundes-Klimaschutzgesetzes dazu beiträgt, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht. Es sieht sowohl sektorübergreifende als auch sektorspezifische Maßnahmen vor. Im Industriesektor zählen dazu insbesondere Förderprogramme für marktnahe Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Leichtbau, zur Dekarbonisierung der Grundstoffindustrie durch CCUS-Verfahren und zur Batteriezellproduktion in Deutschland. Maßnahmen dieses umfassenden Pakets wurden gestartet und befinden sich aktuell in der Umsetzung. Zudem werden verschiedenste Projekte entlang der Innovationskette gefördert, beispielsweise die in 2019 gestartete FuE-Fördermaßnahme „Vermeidung von klimarelevanten Prozessemissionen in der Industrie (KlimPro-Industrie)“, die energieintensive Grundstoffindustrie bei der Dekarbonisierung unterstützt.
  • Mit dem Förderprogramm „Dekarbonisierung in der Industrie“ werden Projekte in der energieintensiven Industrie gefördert, die prozessbedingte Treibhausgasemissionen, welche nach heutigem Stand der Technik nicht oder nur schwer vermeidbar sind, möglichst weitgehend und dauerhaft reduzieren.
  • Im Herbst 2019 wurde das Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI) in Cottbus eröffnet, welches das Förderprogramm „Dekarbonisierung in der Industrie“ umsetzt und als ThinkTank den Dekarbonisierungsprozess der Industrie unterstützt. Ferner wurde an den beiden Standorten Cottbus und Görlitz/Zittau ein DLR-Institut für CO2-arme Industrieprozesse angesiedelt. Es soll Ansätze für CO2-arme Industrieprozesse und Hochtemperaturwärmepumpen zur Umrüstung von Kohlekraftwerken zu Speicherkraftwerken entwickeln.
  • Das Forschungscluster Carbon2Chem untersucht, wie über eine cross-industrielle Kooperation von Stahlherstellung, Stromerzeugung und Chemieproduktion die bei der Stahlherstellung anfallenden Hüttengase zur Produktion von chemischen Wertstoffen wie Methanol oder Harnstoff genutzt werden können. Der Carbon2Chem-Ansatz soll im nächsten Schritt auf weitere emissionsintensive Industrien übertragen werden, bei denen CO2-Emissionen gar nicht oder nur schwierig vermieden werden können.

Alle in der Mission genannten Maßnahmen auf Bundesebene liegen in der Verantwortung der jeweils zuständigen Ressorts und werden von diesen im Rahmen der geltenden Haushalts- und Finanzplanungsansätze (einschl. Planstellen/Stellen) finanziert. Mehrbedarfe an Sachmitteln und Personal werden im jeweiligen Einzelplan gegenfinanziert.

Einbindung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft

Industrieunternehmen und Wirtschaftsverbände diskutieren mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung über technische Möglichkeiten zur direkten Vermeidung von Treibhausgasemissionen in der Industrie. In diesem Branchendialog „Dekarbonisierung in der Industrie“ wurden Rahmenbedingungen für Förderprogramme für die Reduzierung von Treibhausgasemissionen erarbeitet. Im Forschungsnetzwerk Energie – Industrie und Gewerbe stehen Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und forschungspolitische Akteure in einem intensiven Austausch und geben u. a. Impulse für Förderstrategien und innovative Konzepte und Ideen für eine CO2-arme Industrie.

Weiteres Vorgehen

Am 12. Mai 2021 hat die Bundesregierung den Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundes-Klimaschutzgesetzes beschlossen. Die Gesetzesnovelle setzt den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 24. März 2021 um. Sie dient zugleich der Umsetzung des neuen 2030-Klimaziels der Europäischen Union. Mit dem Klimaschutzgesetz werden höhere nationale Klimaschutzziele für die Jahre 2030 (-65 Prozent) und 2040 (-88 Prozent) festgelegt. Zudem wird das Ziel der Netto-Treibhausgasneutralität bis zum Jahr 2045 festgeschrieben. Dementsprechend werden die maximal zulässigen Jahresemissionsmengen für die Sektoren bis zum Jahr 2030 abgesenkt (für den Industriesektor auf 118 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent bis 2030), und der Prozess zu deren Festlegung nach dem Jahr 2030 wird konkret geregelt. Der Minderungspfad für die Gesamtemissionen zwischen den Jahren 2030 und 2040 wird durch jährliche Minderungsziele festgelegt. Gleichzeitig wurde ein Eckpunktepapier für einen „Klimapakt Deutschland“ beschlossen, das im Rahmen eines Sofortprogramms schwerpunktmäßig u.a. einen Investitionspakt mit der Industrie für „klimafreundliche Produktion in Deutschland“ und einen beschleunigten Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft vorsieht. Für das Programm sind in den nächsten 2 Jahren bis zu 8 Mrd. € vorgesehen.